Digitale Medien prägen unseren Alltag heutzutage oft schon ab dem Kindesalter. Smartphones, Streaming, Social Media, Lern-Apps und Gaming beeinflussen, wie wir kommunizieren, lernen und unsere Freizeit oft größtenteils gestalten. Für Familien bedeutet das: Medienkompetenz ist heute ein wesentlicher Teil der Erziehung.
Doch Medienkompetenz lernt man nicht einfach nebenbei, sie muss aktiv begleitet werden. Unser Artikel zeigt, wie Eltern Regeln aufstellen und sinnvoll vermitteln können, welche Richtwerte nach wissenschaftlichen Grundsätzen vernünftig sind und wie Eltern ihre Vorbildrolle auch dabei ein wenig reflektieren können.
Schritt 1: grundregelnde Themen beachten: "Was ab wann?" und "Wie viel ist zu viel?" – Richtwerte und Empfehlungen
Als grobe Orientierung für die Anschaffung eigener Geräte hat sich die vom Psychoanalytiker und Medienexperten Serge Tisseron entwickelte Formel etabliert, die auch von deutschen Medienpädagogen oft zitiert wird [3]:
Unter 3 Jahren: Keine Bildschirmmedien.
Unter 6 Jahren: Keine eigene Spielekonsole.
Unter 9 Jahren: Kein eigenes Smartphone (kein mobiler Internetzugang).
Unter 12 Jahren: Keine unbeaufsichtigte Computernutzung / kein unbegleitetes Surfen im Netz.
Diese Grenzen sind Richtwerte. Entscheidend ist immer der Entwicklungsstand des Kindes.
Schritt 2 - Bildschirmzeit begrenzen
Wie viel Bildschirmzeit empfohlen ist, richtet sich maßgeblich danach, was konsumiert wird. Dennoch geben Institutionen wie z.B. die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) klare zeitliche Orientierungsrahmen, um die kindliche Entwicklung nicht zu gefährden.
Folgende Richtwerte, die sich an Empfehlungen von Initiativen wie klicksafe [7] orientieren, könnt ihr als Basis nutzen:
Hörmedien: bis zu ca. 30 Minuten
Bildschirmmedien: gar nicht
Wissenschaftlicher Hintergrund: Die WHO empfiehlt für Kinder unter 2 Jahren den kompletten Verzicht auf Bildschirme, da diese die sensomotorische Entwicklung und den Spracherwerb hemmen können [1].
Hörmedien: ca. bis zu 10 Minuten pro Lebensjahr
Bildschirmmedien: gemeinsam ebebfalls ca. 10 Minuten pro Lebensjahr
Hinweis: In diesem Alter können Kinder Fiktion und Realität noch schwer trennen. Co-Viewing (gemeinsames Schauen) ist essenziell.
Hörmedien: ca. bis zu 10 Minuten pro Lebensjahr
Bildschirmmedien: gemeinsam oder ein einem gemeinsamen Raum bis zu 10 Minuten pro Lebensjahr (oder nach Absprache zunehmend allein, aber im gemeinsamen Raum).
Faustregel: ca. 1 Stunde pro Lebensjahr in der Woche (z. B. 12 Jahre = 12 Stunden/Woche zur freien Einteilung).
Ab diesem Alter sollte dein Kind lernen, sein Zeitbudget (Wochenkontingent) selbstständig zu verwalten. Das fördert die Selbstregulation [2].
Wichtig: Benutzt dein Kind den Computer für Hausaufgaben oder kreative Projekte (Programmieren, Bildbearbeitung), zählt diese „produktive Zeit“ in der Regel nicht zur reinen Unterhaltungs-Bildschirmzeit!
Schritt 3: Vereinbarung - aus der Beobachtung und im Dialog die Regeln vermitteln und die Umsetzung vereinbaren
Bevor starre Verbote ausgesprochen werden, lohnt sich ein genauer Blick. Ihr Kind wird - so wie fast alle - Regeln benötigen, um ein gesundes Maß an Bildschirmzeit zu verbringen. Reden Sie also mit Ihrem Kind über den Medienkonsum nach folgenden 3 einfachen Punkten:
„Warum“ hinterfragen: Wofür nutzt dein Kind Medien? Zur Entspannung, zum Lernen oder aus Langeweile?
Phasen erkennen: Oft handelt es sich um kurze Phasen intensiver Nutzung (z. B. ein neues Spiel), die sich von allein wieder einpegeln.
Ursachenforschung: Hält ein intensiverer Konsum an, sollten Sie gemeinsam mit Ihrem Kind der Ursache auf den Grund gehen (z. B. Stress in der Schule, keine andere Regenerationsmöglichkeit, fehlende Hobbies) und dann gemeinsam Alternativen finden und die Regeln alltagsgerecht fixieren (siehe unsere nachfolgenden Empfehlungen zum Ausmaß des Medienkonsums).
Ein partizipativer Ansatz ist hier zielführend, wenn es um die lebensweltlichen Belange Ihres Kindes bzw. Jugendlichen geht. Beziehen Sie Ihre Kinder bzw. Jugendlichen bei der Festlegung von Zeiten und Ausnahmen in den Prozess ein. Neben dem sicher eigenen Verständnis, legen auch Studien zur Erziehungspsychologie nahe, dass Kinder Regeln eher akzeptieren, wenn sie ein gewisses Mitwirkungsrecht (vor allem in der Umsetzung) haben und die Gründe („Warum ist Schlaf wichtiger als Zocken?“) verstehen. Legen Sie auch klar fest, was passiert, wenn gegen Regeln verstoßen wird.
Schritt 4 - Umsetzung im Alltag: Routinen, Gutscheine, Technik als Hilfsmittel und die Beachtung von Warnsignalen
Am leichtesten lassen sich Regeln umsetzen, wenn der Alltag gut strukturiert ist. An festen Ritualen können sich Minderjährige - und oft auch Erwachsene - leichter orientieren.
Schlafhygiene: 1 Stunde vor dem Schlafengehen kein Bildschirmkonsum (Blaulicht hemmt die Melatonin-Produktion).
Handy-Parkplatz: Das Smartphone wird vor dem Schlafengehen an einem Ort weg vom Bett oder bei Bedarf auch außerhalb des Kinderzimmers gelagert. Nutzen Sie andere klassische Wecker oder Radiowecker mit CD-Player oder USB-Anschluss für Hörspiele etc.
Medienfreie Mahlzeiten: Keine Smartphones am Esstisch.
Flexibilität: An einem Regentag oder bei Besuch von anderen Kindern darf es mal länger sein, dafür folgt am nächsten Tag eine Medienpause.
Um die Zeiten einzuhalten, können Sie kreativ werden:
Der Medien-Gutschein: Gestalten Sie Gutscheine oder nutzen Sie Symbolwährungen (z. B. Murmeln). Jede Murmel steht für 30 Minuten. Wenn die Murmeln weg sind, ist die Zeit für die Woche vorbei. Das macht die Zeit „begreifbar“.
Technische Hilfen: Viele Router oder Betriebssysteme (Apple „Bildschirmzeit“, Google „Family Link“) erlauben es, Zeitlimits technisch einzustellen. Auch eine simple Zeitschaltuhr an der Konsole kann Konflikte beenden.
Vorsicht vor „Dauerberieselung“
Vermeiden Sie laufende Fernseher im Hintergrund. Studien zeigen, dass Hintergrundmedien („Background TV“) das Spielverhalten von Kleinkindern stören und die Qualität der Eltern-Kind-Interaktion messbar senken [4]. Schalte Geräte ab, wenn sie niemand aktiv nutzt.
Gerade bei älteren Jugendlichen mit mehr Selbstbestimmung stellt sich die Frage umso mehr, wie viel Konsum „zu viel“ ist. Das hängt natürlich von vielen Faktoren, wie der sonstigen Aktivitäten ab. Beobachtem Sie Ihre Jugendlichen genau. Handlungsbedarf besteht laut der BLIKK-Medienstudie [5], wenn folgende Symptome auftreten:
Vernachlässigung von Schulpflichten und Hobbys.
Starke Launenhaftigkeit, Gereiztheit oder Aggression bei Medienentzug.
Konzentrationsschwierigkeiten und „Überdrehtheit“.
Mediennutzung ist das einzige Thema und der häufigste Streitpunkt.
In solchen Fällen (Suchtgefährdung) sollten striktere Regeln eingeführt und ggf. eine Erziehungsberatungsstelle aufgesucht werden.
Schritt 5 - Eltern als Vorbild: Der Realitätscheck
Als Eltern sind Sie die wichtigste Bezugsperson. Kinder lernen durch Nachahmung (Modelllernen). Die MiniKIM-Studie zeigt regelmäßig: Nutzen Eltern Medien intensiv, tun es ihre Kinder oft auch [6].
Reflektieren Sie Ihr eigenes Verhalten mit dieser Checkliste:
Wie oft greife ich in Anwesenheit des Kindes zum Handy?
Laufen Fernseher/Radio oft nur nebenbei?
Stelle ich Fotos meines Kindes ungefragt ins Netz? (Stichwort: Sharenting und Recht auf das eigene Bild).
Beachte ich Datenschutzregeln?
Darüber hinaus wird Eltern empfohlen, eine „ON/OFF-Kompetenz im Umgang mit elektronischen Medien“ aktiv zu vorzuleben. In diesem Sinn bedeutet Medienkompetenz, sich im Alltag nicht vorwiegend selbst mit den Angeboten der digitalen Welt zu beschäftigen, sondern sich vielmehr analogen Freizeitaktivitäten (wie z.B. Karten- oder Brettspiele, ein Buch oder Magazine zu lesen, sich mit Freunden zu treffen, Bewegung in der Natur) zu widmen, die für die psycho-soziale Stabilität auch in unserer modernen Gesellschaft von besonderer Bedeutung für das gesamte Wohlbefinden sind.
Tipp: Führen Sie eine Familienregel ein: Jede/r darf die/den anderen (auch die Kinder die Eltern!) freundlich darauf hinweisen, wenn das Handy in einer unpassenden Situation (z. B. im Gespräch) genutzt wird. Das schafft Fairness und Achtsamkeit
[1] WHO-Richtlinien: World Health Organization (2019). Guidelines on physical activity, sedentary behaviour and sleep for children under 5 years of age. https://www.who.int/publications/i/item/9789241550536
[2] Mediennutzungsvertrag: Eine Initiative von klicksafe und Internet-ABC, die das „Wochenbudget“ für ältere Kinder empfiehlt. https://www.mediennutzungsvertrag.de/
[3] 3-6-9-12 Regel: Ursprünglich entwickelt von Serge Tisseron, adaptiert von vielen Medienanstalten. https://www.3-6-9-12.org
[4] Hintergrundmedien: Schmidt, M. E., et al. (2008). The Effects of Background Television on the Toy Play Behavior of Very Young Children. Child Development. (Bestätigt, dass Hintergrund-TV die Konzentration im Spiel stört). https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18717911/
[5] BLIKK-Medienstudie (2017): Untersuchte den Zusammenhang von Mediennutzung und Entwicklungsstörungen bei Kindern in Deutschland. https://www.bildungsserver.de/onlineressource.html?onlineressourcen_id=58628
[6] MiniKIM-Studie: Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs). https://mpfs.de/studien/mini-kim/
[7] Die EU-Initiative klicksafe hat zum Ziel, die Online-Kompetenz der Menschen zu fördern und sie mit vielfältigen Angeboten beim kompetenten und kritischen Umgang mit dem Internet zu unterstützen.
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